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Gsatzt, Wuzel und Batzen

Beitrag von unserem Blogger Tino Blondiau

Diese Begriffe stammen nicht aus einem Kochbuch, sondern sind Bezeichnungen für historische Lehmbautechniken, die heute vielfach in Vergessenheit geraten sind. Doch sind sie wirklich verschwunden?

Lehmputz
Lehmputz

Die ÖsterreicherInnen leben in Lehm – und nicht nur wir sondern über zwei Milliarden Menschen, das sind immerhin rund ein Viertel der Weltbevölkerung. Der Baustoff kann viele Erscheinungsformen haben, die meisten von uns kennen ihn als gebrannten Ziegel. „Ein Wert auf den man bauen kann“ verspricht uns die Werbung. Stimmt auch, durch das Brennen des Lehmziegels wird dieser schön rot und seine Festigkeit wird deutlich erhöht. Der ideale Baustoff – könnte man meinen. Wäre da nicht die viele Energie, die beim Brennen benötigt wird. In Zeiten in denen Energie nicht aus der Steckdose kam, sondern Arbeit mühsam durch Mensch oder Tier verrichtet werden musste, war das Ziegelbrennen nur Adel und Kirche vorbehalten.

Die „einfachen Leute“ waren auf regional verfügbare Materialien angewiesen und entwickelten Techniken, die sich über Jahrhunderte bewährten und sich durch Langlebigkeit und einfache Instandhaltung auszeichneten. Und das ohne den riesigen Rucksack an versteckter Energie, der uns heute gar nicht auffällt.

Mir ist bewusst, dass nicht alle ÖsterreicherInnen in Lehmbauten leben, doch gerade in Ostösterreich ist der Anteil an historischen Lehmbauten erstaunlich hoch. Die Krux der Sache: Viele wissen gar nicht, dass sich hinter der Putzschicht ihres Hauses eine Lehmmauer verbirgt. Selbst mir war das vor der Sanierung meines Hauses unbekannt und ich konnte nicht viel mit dem Baustoff anfangen. Doch so schlecht kann Lehm nicht sein, immerhin steht mein Haus schon seit über 200 Jahren und mittlerweile weiß ich: Das Material ist genial.

Mit diesem Blogbeitrag möchte ich eure Sensibilität für das Thema schärfen und euch animieren beim nächsten Umbau genauer hinzuschauen. Vielleicht sind eure vier Wände ja auch aus einer der unterschiedlichen Techniken erbaut. Für alle jene, welche die kein Loch in den Putz schlagen wollen und dennoch neugierig sind: Ein guter Tipp sind alte Fotos der letzten Renovierung ansehen, Zählerkästen oder Verblendungen entfernen –  dahinter verbirgt sich oft eine unverputzte Wand.

Warum sind die unterschiedlichen Techniken überhaupt wichtig? Eine Menge an historischen Lehmgebäuden fallen der Abrissbirne zum Opfer. Viele BesitzerInnen erkennen den historischen, ökologischen und baubiologischen Wert ihrer Gebäude nicht. Ich glaube, erst durch den Bezug zu einer Sache wird dieser wertvoll und erhaltenswert. Mir ist es genau so ergangen, beim Wegreißen einer Wand habe ich die alten Lehmziegel weggeschmissen, ein Jahr später bin ich zu einem Abbruchgebäude gefahren und habe Ziegel abgeholt und mühsam nach Hause geschleppt – aus Fehlern lernt man. Damit euch so etwas nicht passiert, möchte ich chronologisch die unterschiedlichen Lehmbautechniken vorstellen.

Die unterschiedlichen Lehmbautechniken, von Anfang an

Riadl-Wand – eine der ältesten Techniken

Eine der ältesten Techniken–bereits als die Menschen begonnen haben sesshaft zu werden wurden Häuser mit Riadlwänden gebaut. Hasel- oder Weidenruten werden zu einer Mauer geflochten und anschließend beidseitig mit Lehm verputzt, wobei das Verputzen eher ein beschmieren oder bewerfen ist. In dieser Technik übernimmt das Holz die tragende Funktion, dadurch können dünne Wandstärken gebaut werden. Durch das geringe Gewicht und die Flexibilität dieses Wandaufbaus finden wir die Bauweise oft im Giebelbereich des Hauses. Die Technik ist heute noch immer populär und eignet sich für die Herstellung von Öfen bzw. Pizzaöfen.

Gsatztes Mauerwerk

Bei dieser Technik wird der Lehm mit der Mistgabel auf die Mauer gesetzt, die Mauerstärken sind in etwa einen halben Meter oder teilweise noch dicker. Da Lehm beim Austrocknen schwindet und im feuchten Zustand zu kriechen beginnen kann, ist es wichtig das feuchte Material nicht zu hoch aufzuschichten. Ein „Satz “ ist circa 60 cm hoch. Ist dieser ausgetrocknet kann weiter gearbeitet werden. Der Vorteil ist, dass das Material direkt verarbeitet werden kann und grobe Bestandteile wie Steine oder schlechte Lehmqualität nicht qualitätsmindernd wirken.

Batzen- oder Wuzelmauer

links Wuzel- rechts Batzenmauer

Batzen und Wuzelmauern sind leicht zu erkennen und können ganz unterschiedliche Größen und Verlegemuster haben. Der Unterschied zu einer Ziegelmauer ist, dass für die Herstellung keine Formen benötigt werden. Die Batzen und Wutzel werden händisch geformt und ohne zu trocknen verbaut, dadurch ist kein Mörtel erforderlich.

Noch immer nicht genug vom Lehmbau? Es gibt noch eine Vielzahl weiterer eher moderner Techniken wie Quaderstock, Lehmziegel bzw. Stampflehm, und damit es hier den Rahmen nicht sprängt, werde ich in meinem nächsten Beitrag weitermachen. Freut euch darauf!

Und übrigens: Auf der Webseite lehmbau.boku könnt ihr weitere nützliche Informationen zum Thema einholen. Um dem Trend der Zerstörung der Lehmbauten entgegen zu wirken wird vom Team der BOKU gerade an einer App gearbeitet, um Objekte standortgenau aufzunehmen und zu beschreiben. Falls ihr ein Lehmgebäude besitzt, könnt ihr dies mittels Erhebungsbogen aufnehmen lassen. Das Ziel ist eine Karte mit Objekten und Techniken zu erstellen, um einen Austausch zwischen Interessierten zu ermöglichen. In meinem Ort kenne ich zwei weitere Lehmgebäude, ich bin mir aber ganz sicher, dass es noch viel mehr gibt. Einen Blick hinter die Fassade zu werfen lohnt sich!