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„Mutig sein für den Wandel“ – Interview mit Erwin Wagenhofer

Beitrag von unserer Bloggerin Luise Steininger

„Atmosphere“ – der neue Dokumentar-Kinofilm des Erfolgsregisseurs Erwin Wagenhofer feierte Anfang Oktober 2026 Premiere.

Interview mit Erwin Wagenhofer zum neuen Film Atmosphere

Bekannt durch seine kritischen, Missstände aufzeigenden Filme „We Feed The World“, „Let’s Make Money“ und „Alphabet“ ist er nun nicht mehr der Ankläger von einst. „Mit Kritik kommen wir nicht weiter“, sagt er – und zeigt stattdessen Menschen, die es anders machen. Menschen, die aus der Profitlogik ausgestiegen und mit ihrer Umwelt auch sich selbst verändert haben. Sie haben eine kaputte Natur zu neuer Blüte geführt und Konkurrenz durch Kooperation ersetzt.

Im Gespräch erzählt er u. a. was die Schaumschicht auf der Ybbs in den 70er Jahren mit seinem Film „Atmosphere“ zu tun hat, warum er glaubt, dass wir mitten im Neubeginn unserer Gesellschaft sind und weshalb die schönste Form des Aktivismus ist, andere zu ernähren.

Luise Steininger: Was ist für Sie die Kernaussage des Films „Atmosphere“? Welche Botschaft soll bei den Zuschauenden hängen bleiben?

Erwin Wagenhofer: Eigentlich nur eine: Mutig sein für den Wandel. Meine Filme haben immer sehr simple Ansätze am Anfang, so kompliziert sie dann auch werden. Aber die Kunst des Filmemachens ist, es am Schluss wieder einfach zu machen. Und die Leute, die wir da zeigen, haben diesen Mut gehabt – irgendwann schon davor.

Gab es bei den Dreharbeiten dazu einen Moment, der sich besonders in Ihr Gedächtnis eingebrannt hat?

Ja, das war bei Ernst Götsch in Brasilien – es war fast der letzte Drehtag, kurz vor Weihnachten 2024. Hätte ich keine Familie hier in Österreich, wäre ich bei ihm geblieben.Warum? Weil da das ist, was wir verloren haben. Wir sind Geschöpfe der Natur, wir brauchen die Natur. Bei Götsch im Urwald ist diese Naturerfahrung so intensiv – akustisch und geschmacklich – die Früchte (Avocados, Bananen, …) fallen von den Bäumen.

Woher kam die Idee zu diesem Film?

Die Einreichung zur Filmförderung habe ich 2022 abgegeben, aber eigentlich ist die Entstehungsgeschichte eine viel längere. Ich bin im Mostviertel entlang der Ybbs aufgewachsen und damals haben die Papierfabriken den ganzen Dreck in den Fluss geleitet, sodass eine dicke Schaumschicht am Wasser war. 1977 habe ich mit 16 Jahren in ein Tagebuch geschrieben, diese äußere Umweltverschmutzung ist relativ schnell erledigt, wenn wir wollen. Aber die geistige Umweltverschmutzung ist das Thema. Und jetzt habe ich den Film dazu gemacht.

Sie machen jetzt schon einige Jahrzehnte sehr erfolgreich Filme. Wo liegen die Stärken des Mediums Film – und wo seine Grenzen?

Film kann eigentlich relativ wenig. Zum Beispiel um etwas zu erklären – also didaktisch eingesetzt – ist es nicht das richtige Medium. Da ist Film sehr behäbig und ein Buch die wesentlich bessere Wahl, da jeder selbst das Tempo bestimmen kann.

Aber er kann zwei große Sachen:

  1. Er kann eine wahnsinnige emotionale Wucht entfalten: Nur wer emotional bei einer Sache ist, lernt schnell und begeistert.
  2. Film ist eine Kontextkunst. Das Wichtigste entsteht in den Köpfen der Zuseherinnen und Zuseher. Ein Film von mir ist nur dazu da, dass in Ihrem Kopf ein Film angestoßen wird.

„Atmosphere“ ist mittlerweile Ihr fünfter Dokumentar-Kinofilm. Woher nehmen Sie Ihre Ideen?

Nach den ersten, eher anklagenden, kritischen Filmen, die Missstände aufgezeigt haben, bin ich draufgekommen: Mit Kritik kommen wir nicht weiter. Dann habe ich mir seit 2015 vorgenommen eine Trilogie zu drei abstrakten Themen zu machen: Verbundenheit („But Beautiful“), Vergänglichkeit (der aktuelle Film „Atmosphere“) und Verletzlichkeit (der nächste Teil).

Die Inspiration kommt aber vom Leben. Das fällt mir zu – ich bin nur das Medium. Zum Beispiel interessiere ich mich für Götsch schon seit 15 Jahren. In der Nacht nach der Premiere von „But Beautiful“ bekam ich eine Mail von einer mir unbekannten Frau aus Kärnten mit dem Aufruf doch einmal über Götsch zu berichten. Da kommen also schon die Zeichen von außen und dann weiß ich, dass ich richtig bin.

Dieser Film hat sich auch Zeit gelassen. Aus verschiedenen Gründen haben wir ein Jahr länger gebraucht, aber der Film hat gewusst, er braucht noch diesen Hitzesommer. Dadurch ist in der Bevölkerung ein völlig anderes Bewusstsein entstanden. Und jetzt ist er da. Der Film hat sich selbst seine Zeit ausgesucht.

Während diesem Film ist auch die Idee zum nächsten entstanden. Ich arbeite auch schon daran, habe mich mit einem Protagonisten schon einige Male getroffen, verrate aber noch nichts.

Manche Menschen verfallen bei diesen Themen in Resignation: „Mein kleiner Beitrag kann die Welt nicht retten.“ Warum bleiben Sie dran?

Weil ich aus irgendeinem Grund vom Leben so viel Kraft gekriegt habe – und das große Glück habe, dass ich mit meinen Gaben arbeiten darf. Und dann muss ich auch geben – das hängt zusammen.

Ich sehe das so wie Götsch: „Wenn wir es richtig machen würden, dann würden wir die Energie von der Arbeit bekommen und nicht für die Arbeit brauchen.“ Sie sehen das bei den Menschen im Film: Sie arbeiten alle von früh bis spät in der Natur, das ist anstrengend, aber es macht sie so glücklich. Diese Glücksmomente kann man in keinem Supermarkt kaufen.

Worauf muss man Ihrer Meinung nach achten, wenn man Menschen für solche Veränderungen gewinnen will?

Man muss sie begeistern, emotional mitnehmen! Es geht nur, indem man die Leute einlädt und motiviert. Und dann müssen sie in eine Feedbackschleife kommen, wo sie relativ schnell Selbstwirksamkeit spüren. Die Leute im Film setzen Pflanzen und kühlen mit dem Schatten den Boden. In diesen Schatten können Sie wieder größere Pflanzen setzen. Sie merken innerhalb von Monaten: Es funktioniert. Wir kühlen den Boden und können deshalb gut ernten. Das ist ja auch ein Hauptsatz im Film: „Die schönste Form des Aktivismus ist es, andere zu ernähren.“ Wobei Ernähren nicht nur Essen und Trinken meint, sondern auch mentale Nahrung. Der Mensch lebt ja nicht vom Brot allein.

Wenn wir also Berufe in den Vordergrund stellen, die nähren und das Leben fördern und andere Berufe, wie z. B. spekulative Investmentbanker, ausblenden würden, dann würden wir automatisch eine andere Gesellschaft bekommen.

Wir müssen den Sinn wieder vor den Nutzen stellen! Reichtum statt Kapital. Kapital ist eine Menge Geld – was machen Sie damit? Das können Sie nicht essen. Reichtum ist ganz was anderes.

Sie sprechen in einem Interview vom Jänner 2025 von der Endzeit unserer Gesellschaft. Im Film „Atmosphere“ zeigen Sie Menschen, die aus allgemein gewohnten Denkmustern ausgebrochen sind und Neues gewagt haben. Können wir also eine Umkehr schaffen?

Ich glaube, wir sind schon in der Phase des Neubeginns. Das römische Reich ist niedergegangen – aber Rom gibt es immer noch, und die Italienerinnen und Italiener auch. Das Habsburgerreich ist gefallen, aber Österreich, Wien und Schönbrunn gibt es noch. Das Leben hört nicht auf – es hört nur eine gewisse Denkrichtung auf.

Dass der Wirtschaftsmotor nicht mehr richtig anspringt, ist fast wie ein Wink des Himmels – sonst würden wir nur weiter zerstören. Jetzt müssen wir lernen, das, was wir haben, gerechter zu verteilen. Es ist genug da für alle. Darum: Reichtum statt Kapital.

Kurz nachgefragt:

Was würden Sie Ihrem 20-jährigen Ich sagen?
Niemals aufgeben

Als gebürtiger Mostviertler: Apfel- oder Birnenmost?
Gemischt

Wenn Geld keine Rolle spielen würde – welchen Film würden Sie machen?
Ich habe einen fiktionalen Film da liegen, aber verrate nichts Genaueres dazu.
Ich würde gern noch ein, zwei Spielfilme machen.

Mit wem telefonieren Sie am häufigsten?
Mit meiner Frau

Was war das Lustigste während eines Drehs?
Wir haben bei „We Feed The World“ mit dem Nestlé-Konzernchef gedreht. Der sagte vor laufender Kamera so unglaubliche Dinge, dass ich mich beim Drehen fragte: Warum sagt er das? Warum unterbricht uns der Konzern-Pressesprecher nicht? Nach dem Dreh sagte der Pressesprecher mir dann: „Ich will Ihnen das Material abkaufen – weil es so gut war, was er gesagt hat“. Als der Film dann draußen war, haben Nestlé-Anwälte alles unternommen, um ihn zu verhindern.

Was kann Sie noch überraschen?
Guter Humor und wirkliche Freundschaft

Welche Person würden Sie gerne vor die Kamera bekommen?
Leute wie den Götsch

Was haben Sie mit Ihrem ersten selbstverdienten Geld gekauft?
Mit 18, nach einem dreimonatigen Ferialjob: mein erstes Auto – ein Saab

Was ist der schönste Platz der Erde?
Das schönste Bundesland Österreichs ist für mich Kärnten – wegen der Vielfalt. Aber es gibt eigentlich keinen hässlichen Platz – nur dort, wo der Mensch ihn verwüstet hat.

Vielen Dank für das Interview!

Aktualisiert am 14.10.2026