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Restlos glücklich: Lebensmittelverschwendung muss nicht sein!

Beitrag von unserer Bloggerin Luise Steininger

Zum internationale Tag der Lebensmittelverschwendung haben wir fünf Expertinnen und Experten befragt, wie man Lebensmittel retten kann.

Infostand
Wir leben nachhaltig war bei der Fachtagung zum Thema Lebensmittel retten

Von der Produktion über die Verarbeitung, den Handel, die Gastronomie und die privaten Haushalte – überall werden viel zu viele wertvolle genießbare Lebensmittel verschwendet. Um nur eine Zahl zu nennen: in NÖ landen pro Person und Jahr ca. 21 kg genießbare Lebensmittel im Restmüll.

Internationaler Tag der Lebensmittelverschwendung

Am 29. September, genau am Tag der Lebensmittelverschwendung, fand die Umwelt.Wissen Tagung 2026 der Abteilung Umwelt- und Energiewirtschaft des Landes NÖ mit dem Titel „Restlos glücklich: Lebensmittelabfall muss nicht sein!“ statt. Der Schwerpunkt lag dabei auf der Bewusstseinsschärfung für Lebensmittelverschwendung und der Anregung zur Reduktion von Lebensmittelabfällen.

Wir leben nachhaltig war vor Ort und wir haben nachgefragt bei:

  • Keynote-Speakerin und Wissenschaftlerin an der BOKU: Dipl.-Ing. Dr. Gudrun Obersteiner
  • Ernährungsberaterin: Mag. Andrea Fičala
  • Ernährungsberaterin: Mag. Rosemarie Zehetgruber
  • Cornelia und Andreas Diesenreiter von unverschwendet
  • Daniel Leitner von der Flotten Lotte

Warum werden bei uns so viele genießbare Lebensmittel verschwendet?

Lebensmittel werden entlang der gesamten Wertschöpfungskette verschwendet – von der Landwirtschaft über Verarbeitung und Handel bis zu Gastronomie und Haushalten. Ursachen sind unter anderem Überproduktion, strenge Qualitätsnormen, Fehlplanung, zu große Mengen und falsche Lagerung. Gleichzeitig fehlt oft das Bewusstsein dafür, wie wertvoll Lebensmittel sind und wie viele Ressourcen – insbesondere Wasser, Boden und Energie – für ihre Herstellung benötigt werden. Was im Müll landet, ist daher auch eine Verschwendung dieser Ressourcen.

Die Ursachen sind inzwischen gut untersucht. Ein großer Teil der Lebensmittelabfälle entsteht in privaten Haushalten: Wir kaufen oft mehr ein, als wir tatsächlich brauchen, planen Mengen und Mahlzeiten nicht ausreichend und lagern Lebensmittel nicht optimal. Auch Unsicherheit beim Mindesthaltbarkeitsdatum, zu große Packungen und der Anspruch an makellose Lebensmittel spielen eine Rolle. Gleichzeitig entsteht Lebensmittelabfall entlang der gesamten Wertschöpfungskette – von der Produktion über Verarbeitung und Handel bis zur Gemeinschaftsverpflegung.

Essen ist in unserer Gesellschaft ständig verfügbar. Vorproduziert, preiswert, verlockend. Wir neigen dazu uns als Opfer der Konsumgesellschaft zu sehen, unsere Verantwortung und auch unsere Gestaltungsmöglichkeiten aus den Augen zu verlieren.

Lebensmittelverluste entstehen entlang der gesamten Wertschöpfungskette: in der Landwirtschaft, im Handel, in der Verarbeitung, in der Außer-Haus-Verpflegung, in unseren eigenen Haushalten. Die Verantwortung ist auf viele Schultern verteilt – und deshalb fühlen wir uns als Einzelne oft machtlos. Doch die Veränderung beginnt bei uns selbst. Bei dem, wo und was wir kaufen. Wo und wie wir essen. Womit wir uns ernähren. Bei der Wertschätzung für Lebensmittel, für die Natur und uns selbst. Wir haben Einfluss – jeden Tag.

Entlang der gesamten Wertschöpfungskette gehen Lebensmittel verloren: gleich direkt am Feld, im Lager, im Handel, bei den Endverbraucher:innen zu Hause oder in der Gastronomie.Die Gründe sind dabei unterschiedlich, in der Landwirtschaft sind das zum Beispiel: witterungsbedingte Überernten, Abweichungen bei Optik oder Größe sowie kurzfristige Bestelländerungen und vieles weiter um nur ein paar zu nennen.

Wir haben in Österreich mit 60 Supermärkten pro 100.000 Einwohnern fast doppelt so viele Filialen im Lebensmitteleinzelhandel wie im EU Durchschnitt, mit einem überdurchschnittlich großen Sortiment. Bei länger haltbaren Artikeln spielt das vielleicht keine so große Rolle, bei schnell verderblichen Lebensmitteln wie Obst und Gemüse und der ständigen Verfügbarkeit bis in die Abendstunden in jeder Filiale kommen dann große Mengen zusammen die vom Produzenten bis zum Endkunden bereitgestellt werden müssen. Durch die Rahmenverträge der Produzenten mit dem Großhandel benötigt es im Hintergrund, je nach Sorte, von 4-5 % bei Tomaten bis zu 50% beim Kopfsalat als Reserve für saisonale Schwankungen, Wettereinflüsse und um die hohen Handelsnormen einhalten zu können.

Was bewegt Sie persönlich, sich für das Thema einzusetzen?

Mich motiviert, dass Lebensmittelverschwendung vermeidbar ist und wir mit ihrer Reduktion gleichzeitig Klima und Wasser schützen können. Jedes Lebensmittel, das nicht verschwendet wird, bedeutet auch, dass die dafür eingesetzten Ressourcen nicht umsonst verbraucht wurden. Mit meiner Arbeit möchte ich Zusammenhänge sichtbar machen, Wissen vermitteln und Bewusstsein dafür schaffen, dass Lebensmittel einen Wert haben, der weit über ihren Preis hinausgeht. So möchte ich zu einem verantwortungsvolleren Umgang mit Lebensmitteln beitragen.

Lebensmittel sind zu wertvoll, um im Müll zu landen. In ihnen stecken Ressourcen wie Wasser, Boden, Energie, Arbeitskraft und natürlich auch viel Geld. All das geht verloren, wenn Lebensmittel weggeworfen werden. Was mich aber optimistisch stimmt: Beim Thema Lebensmittelabfall sind wir uns weitgehend einig. Ob aus ethischen oder wirtschaftlichen Gründen: Die Bereitschaft, etwas zu verändern, ist groß und der Widerstand gering – anders als bei vielen anderen Themen der nachhaltigen Ernährung. Diese seltene Einigkeit ist eine große Chance für Veränderung.

Wenn ich durch das Land fahre, sehe ich nicht einfach Äcker und Wiesen. Ich sehe Feldfrüchte und Tierfutter – und die Leidenschaft, das Wissen und die Mühe der Bäuerinnen, Bauern und Gewerbetreibenden, die daraus gute Lebensmittel herstellen.

Zu wissen, dass ein großer Teil unserer Lebensmittel nie gegessen wird, macht mich traurig. Dass Wasser, Dünger, Energie und Arbeitszeit umsonst eingesetzt wurden. Dass Tiere für Lebensmittel geschlachtet werden, die am Ende im Müll landen. Ich denke keine Gesellschaft kann es sich langfristig leisten, ein Drittel der Lebensmittel wegzuwerfen. Deshalb möchte ich mit meiner Arbeit die Wertschätzung für unsere Lebensmittel stärken – vom Anbau und der Herstellung bis hin zu ihrer Wirkung auf unseren Körper.

Die Lebensmittelabfallhierarchie der EU zeigt: Lebensmittel, die für den menschlichen Verzehr geeignet sind, sollen möglichst als Lebensmittel für Menschen erhalten bleiben, bevor sie als Tierfutter, Kompost, Energiequelle oder Abfall enden. Genau dort setzt Unverschwendet an: Wir retten wertvolle Lebensmittel vor dieser Entwertung. Wir glauben an eine Zukunft, in der Überschüsse als Chance gesehen werden – und daran arbeiten wir Tag für Tag. Mit innovativen Lösungen gegen Lebensmittelverschwendung. Mit Haltung. Und mit viel Hingabe.

Als wir 2015 als Verein begannen waren mir die enormen Mengen nicht annähernd bewusst. Über die Jahre versteht man das System immer besser und mir ist bewusst, unsere Arbeit ist nur der sprichwörtliche Tropfen auf dem heißen Stein.
Mir geht es neben der Verwendung von Überschüssen und der Produktion von hochwertigen Lebensmittel, auch um Bewusstseinsbildung im Rahmen unserer Arbeit. Die letzten Jahre standen im Aufbau der Infrastruktur, letztes Jahr haben wir mit einem neuen Projekt begonnen, um das Thema auch in die Schulen zu tragen um langfristig ein anderes Denken zu etablieren.

Wie könnte eine kreislauforientierte Lebensmittelwirtschaft, mit verringerter Lebensmittelverschwendung, in Österreich aussehen – und was braucht es dafür?

Eine kreislauforientierte Lebensmittelwirtschaft beginnt mit dem Ziel, Lebensmittelverluste entlang der gesamten Wertschöpfungskette so weit wie möglich zu vermeiden. Überschüsse sollten weitergegeben und genießbare Lebensmittel möglichst vollständig genutzt werden. Unvermeidbare Reststoffe können anschließend sinnvoll in weitere Kreisläufe einfließen. Dafür braucht es ein Zusammenspiel von Landwirtschaft, Verarbeitung, Handel, Gastronomie, Haushalten und Politik sowie klare Rahmenbedingungen, innovative Lösungen und ein gemeinsames Verständnis von Lebensmitteln als wertvolle Ressource.

Für mich bedeutet eine kreislauforientierte Lebensmittelwirtschaft, Verhalten und Verhältnisse gemeinsam zu denken. Es braucht mehr Bewusstsein, aber auch Strukturen, die Lebensmittelabfälle vermeiden – etwa durch bedarfsgerechte Produktion, Portionsgrößen oder Bestellsysteme. Kommunikation und Nudging können die Wertschätzung stärken. Entscheidend ist ein Zusammenspiel von Politik, Wirtschaft, Produktion, Handel, Küchen, Schulen und Konsument:innen. Und die Analyse, wo und warum Lebensmittel verloren gehen, um konkrete Maßnahmen abzuleiten.

Es braucht unter anderem Bildungsarbeit, die nicht das schlechte Gewissen adressiert, sondern Kompetenzen für ein gutes Leben aufbaut. Wo und wie kaufe ich ein, lagere ich? Was weiß ich über den Produzenten/die Herstellung? Wie erkenne ich Qualität? Was brauche ich (wirklich)? Welche Speisen und Getränke tun meinem Körper, meiner Seele gut? Wie bereite ich Gerichte zu? Was mache ich mit Zutaten im Kühlschrank, die gekauft aber dann doch nicht verbraucht wurden? Eine solide Kochkompetenz, möglichst viel praktische Erfahrung sowie Kreativübungen zur Adaption von Rezepten stärken die Sicherheit und das Selbstbewusstsein im Umgang mit Lebensmitteln.

Eine kreislauforientierte Lebensmittelwirtschaft in Österreich hält genießbare Überschüsse im Wertstoffkreislauf und nutzt sie nach der Lebensmittelabfallhierarchie vorrangig als Nahrung für Menschen.

Dafür braucht es:

  • Faire Anreize & Transparenz: Verpflichtende Dokumentation und Preise unter Marktpreis, um Fehlanreize zu vermeiden.
  • Klare Verifizierung: Verlässliche Kriterien und Standards zur Feststellung von Überschüssen.
  • Flexible Verarbeitung: Aufbereitung abweichender Rohstoffe zu haltbarer Feinkost.
  • Partnerschaften: Enge Kooperation aller Betriebe entlang der Kette im Sinne der SDGs.

In meinen Augen braucht es ein massives Umdenken im Lebensmittelhandel. Auch wenn sich der Handel immer als unschuldiges Bindeglied zwischen Produzent und Konsument darstellt, das ist er nicht – schlussendlich werden dort die Entscheidungen im Einkauf und Verkauf getroffen, die letztendlich in Kombination mit der ständigen Verfügbarkeit bis in den letzten Winkel des Landes, direkt und indirekt zum Großteil der Überschussmengen führt.

Ihr einfachster und wirkungsvollster Tipp für Haushalte?

Es gibt nicht den einen Tipp, da die Lebensumstände immer unterschiedlich sind aber meine drei einfachster Tipps lauten: Erst schauen, was da ist, dann mit Einkaufsliste einkaufen. Ein kurzer Blick in Kühlschrank und Vorratsschrank hilft, Doppelkäufe und unnötige Mengen zu vermeiden. Ebenso wichtig ist die richtige Lagerung, damit Lebensmittel länger frisch bleiben. Obst und Gemüse lagert man am besten im Kühlschrank. Und wenn doch einmal etwas übrig bleibt, sollte man kreativ werden: Aus Resten lassen sich oft noch einfache und köstliche Gerichte zaubern. So kann jeder Haushalt mit kleinen Veränderungen im Alltag einen wichtigen Beitrag leisten.

Lebensmittel im Auge behalten – am besten ist eine Person im Haushalt dafür zuständig. Und dann: einfrieren statt wegwerfen, wenn diese Möglichkeit vorhanden ist. Viele Lebensmittel lassen sich ohne Qualitätsverlust tiefkühlen und später verwenden. Wichtig ist, die eigenen Gewohnheiten zu kennen: Wer zu viel einkauft, kann bei der Einkaufsplanung ansetzen; wer Reste vergisst, bei einer besseren Übersicht. Und wenn Lebensmittel oft verderben, liegt es vielleicht an der Lagerung. So kann man dort ansetzen, wo die Lebensmittelabfälle tatsächlich entstehen.

Einkaufsmöglichkeiten recherchieren. Wer die Produzenten kennt, ist gebundener an das Produkt. Wer Lebensmittel am Markt, im Hofladen oder über Lebensmittelkooperativen bezieht, wirft weniger weg.

Einmal pro Woche den Kühlschrank und zweimal im Jahr die Vorratskammer durchforsten. Was muss verarbeitet werden?

Eine persönliche Sammlung an attraktiven „Das-muss-weg-Gerichten“ anlegen.  Gemüseomelette, Smoothies, kalte oder warme Cremesuppen… spannend gewürzt.

Einkaufszettel schreiben, nicht hungrig Einkaufen gehen, sich mit dem Thema Meal Prep beschäftigen und mehr in die Eigenverantwortung für ein gesundes Leben gehen 😉

Better done, than perfect – jeder kleine Schritt zählt.
Beim Einkauf und beim eigenen Kühlschrank auf die eigenen Sinne vertrauen und bei Produkten über dem MHD schauen, riechen und schmecken, bevor sie entsorgt werden. Indem wir Lebensmittel wieder als wertvolle Ressourcen betrachten und unseren eigenen Sinnen vertrauen, lassen sich im Haushalt mit minimalem Aufwand riesige Mengen genießbarer Nahrung vor dem Müll retten.

Zu den Personen

Cornelia und Andreas Diesenreiter von unverschwendet

Cornelia und Andreas Diesenreiter von unverschwendet

Cornelia und Andreas Diesenreiter zeigen, wie aus überschüssigen Lebensmitteln wertvolle Produkte entstehen können. Mit ihrem Unternehmen Unverschwendet retten sie Obst, Gemüse und andere Lebensmittel, die trotz einwandfreier Qualität nicht mehr verkauft würden, und geben ihnen eine zweite Chance. Damit leisten sie einen wichtigen Beitrag zur Vermeidung von Lebensmittelabfällen und machen nachhaltigen Konsum für alle genussvoll erlebbar.

www.unverschwendet.at

 

Mag. Andrea Fičala

Andrea Fičala ist Ernährungswissenschafterin, Nachhaltigkeitsmanagerin und Expertin für nachhaltige Ernährung. Sie verbindet fundiertes Ernährungswissen mit praxisnahen Tipps für einen ressourcenschonenden Alltag. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Wertschätzung von Lebensmitteln und der Vermeidung von Lebensmittelabfällen. Durch Workshops, Bildungsangebote und Informationsarbeit zeigt sie auf, wie wir Lebensmittel besser planen, lagern und verwerten können und damit Umwelt, Klima und Geldbörse schonen.

www.andreaficala.at

Dipl.-Ing. Dr. Gudrun Obersteiner

Gudrun Obersteiner ist Wissenschaftlerin an der Universität für Bodenkultur Wien (BOKU) und zählt zu den führenden Expertinnen Österreichs für Abfallvermeidung und Kreislaufwirtschaft. Ein besonderer Schwerpunkt ihrer Arbeit ist die Vermeidung von Lebensmittelabfällen. Sie zeigt auf, warum noch genießbare Lebensmittel oft im Müll landen und welche einfachen Maßnahmen im Alltag helfen, Lebensmittel länger zu nutzen und Verschwendung zu vermeiden. Damit leistet sie einen wichtigen Beitrag zum Klima- und Ressourcenschutz.

Obersteiner Gudrun:BOKU

Daniel Ruttinger GF von Flotte Lotte mit Gemüse und fertigen Produkten

Daniel Ruttinger von der Flotten Lotte

Daniel Leitner ist Geschäftsführer der Flotte Lotte GmbH in Zwettl. Gemeinsam mit seinem Team setzt er sich dafür ein, überschüssige Lebensmittel vor dem Wegwerfen zu bewahren und zu hochwertigen Produkten weiterzuverarbeiten. Damit leistet er einen wichtigen Beitrag zur Vermeidung von Lebensmittelabfällen und zeigt, wie aus vermeintlichen Überschüssen wertvoller Genuss entstehen kann.

flottelottezwettl.at

Mag. Rosemarie Zehetgruber

Rosemarie Zehetgruber ist Ernährungswissenschafterin, Umweltberaterin und Expertin für nachhaltige Ernährung. Seit vielen Jahren begleitet sie Gemeinden, Schulen, Betriebe und Gemeinschaftsküchen bei der Umsetzung einer gesunden, nachhaltigen und ressourcenschonenden Verpflegung. Mit ihrem Wissen zeigt sie praxisnah, wie durch gute Planung, richtige Lagerung und die kreative Verwertung von Lebensmitteln Abfälle reduziert und wertvolle Ressourcen geschont werden können.

www.gutessen.at

Aktualisiert am 13.10.2026