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Interview mit Univ. Prof. Dr. Sigrid Stagl

Beitrag von unserer Bloggerin Daniela Capano

Am 8. März feiern wir seit über 100 Jahren den Internationalen Frauentag. Zeit, die Frage zu stellen: Wie gestalten Frauen in der Wissenschaft eine bessere Zukunft für uns alle?

Am 8. März ist Internationalen Frauentag. Wir haben zu diesem Anlass Univ. Prof. Dr. Sigrid Stagl zum Interview gebeten.

Wir haben die Wissenschaftlerin des Jahres 2024 Univ. Prof. Dr. Sigrid Stagl dazu befragt. Frau Stagl ist Leiterin und Gründerin des Institute for Ecological Economics der Wirtschaftsuniversität Wien mit den Schwerpunkten Nachhaltiges Arbeiten, Ökologische Makroökonomie, integrierte Bewertungsmethoden und sozioökonomische Theorien des Handelns. Weiters ist sie Mitglied im Senat der Christian Doppler Forschungsgesellschaft.

Studien zufolge leiden Frauen mehr unter den Folgen des Klimawandels als Männer. Und Frauen engagieren sich besonders stark für Umwelt- und Nachhaltigkeitsthemen, sind aber in allen gestaltenden Gremien und in der Politik nicht ausreichend vertreten. Warum denken Sie ist das so?

Wir merken, dass die Unterrepräsentation in den Möglichkeiten, sich einzubringen und sich für Nachhaltigkeit einzusetzen, eine Verlängerung der generellen Strukturen unserer Gesellschaft ist. Frauen sind eher in Versorge-Sektoren tätig und nicht z.B. im Energiesektor.

„Natürlich kann man sich überall einbringen, um nachhaltiger zu sein, aber in manchen Sektoren ist der Hebel größer. Und in denen, wo der Hebel größer ist, sind Männer überrepräsentiert, weil es eher technisch und industriell orientierte Sektoren sind.“

Das soll aber nicht heißen, dass andere Sektoren unwesentlich sind. Man ist früher davon ausgegangen, dass Dienstleistungen sich automatisch dematerialisieren und dekarbonisieren. Wenn man nachrechnet, verbrauchen auch die Dienstleistungen ziemlich viel Ressourcen und generieren Emissionen. Auch dort braucht es die Aufmerksamkeit, dass man Veränderung schafft. In welchen Positionen Frauen sind, sie können etwas beitragen zur Nachhaltigkeit.

Nachhaltiger Unternehmenserfolg und weibliche Führung gehen Hand in Hand. Laut dem Europäischen Investitionsfonds schneiden Firmen in den ESG-Bereichen besser ab, wenn Frauen in entscheidenden Positionen mitgestalten. Warum bleibt dieses Potenzial oft ungenutzt?

Es ist schon so, dass aufgrund der lebensweltlichen Erfahrungen Frauen systemischer denken, weil wir unterschiedliche Aufgaben früh übernommen haben. Hoffentlich entwickelt sich unsere Gesellschaft dahin, dass Männer auch diese Erfahrungen machen können. Aber da haben Frauen in der Tat mehr Erfahrung, wie sich Entscheidungen in anderen Lebensbereichen auswirken, deswegen denken sie um ein oder zwei Dimensionen weiter. Und ich würde erwarten, dass sich das positiv auswirkt.

Es ist aber noch nicht stark spürbar, weil z.B. in den Aufsichtsräten mittlerweile aufgrund gesetzlicher Quoten Frauen stärker vertreten sind, in Geschäftsführerinnen-Positionen aber bei weitem noch nicht. Da braucht es Nachschärfung.

Daniela Capano im Interview mit Univ. Prof. Dr. Sigrid Stagl

Welche aktuelle Entwicklung in den Bereichen Technik und Nachhaltigkeit braucht Ihrer Meinung nach, dringend mehr weibliche Perspektiven?

Wenn weibliche Perspektive bedeutet, mehr in Richtung Versorgungssicherheit, in Richtung Grenzen anerkennen, innovativ und vielfältig zu denken – also nicht nur die technologische, sondern auch soziale und institutionelle Innovation mitzudenken, dann brauchen wir sehr viel davon. Und dieses Denken ist absolut notwendig, damit wir Nachhaltigkeit schaffen können.

Frauen in Führungspositionen stoßen oft an die sogenannte „gläserne Decke“, also eine unsichtbare Barriere, die sie hindert in höhere Karrierestufen aufzusteigen.
Haben Sie persönlich Erfahrung damit?

Ich kann in der Tat keine einzige Situation benennen, wo ich das Gefühl hatte, dass ich jetzt nicht zum Zug gekommen bin, weil ich eine Frau bin.

„Ich hatte das Glück, dass ich sehr viele weibliche und männliche Mentorinnen und Mentoren hatte. Es haben sich mir viele Gelegenheiten präsentiert. Und ich war vorbereitet, die Gelegenheiten nutzen zu können.“

Ich habe einmal gehaltsmäßig nachverhandelt, weil ich gemerkt habe, dass ein Mann angestellt wurde, der genau dieselben Qualifikationen hatte als ich und deutlich mehr verdient hat – der ist aber aus einem anderen Land an die Universität gekommen, wo man höheres Gehalt bekommen hat. Also insofern war es gerechtfertigt. Aus der Systemlogik habe ich es aber nicht hingenommen. Ich bin zum Department-Vorstand gegangen und habe gesagt, dass es mich plagt und er antwortete, das korrigieren wir.

Es ist auf der einen Seite schon so, dass es zu Situationen kommt, die unbefriedigend sind, aber ich glaube, es liegt auch an uns Frauen, es dann zu benennen. Natürlich macht man es immer höflich und zuvorkommend und gut vorbereitet, aber es geht schon darum, dass man es sagt, auf den Tisch legt und Lösungsvorschläge macht.

Was raten Sie jungen Frauen, die am Beginn ihres Berufsweges stehen?

Das zu tun, wofür man Leidenschaft hat. Weil wenn man das tut, wofür man eine Passion hat, wird man richtig gut darin sein.

Das andere ist, nicht die Sorge zu haben, dass alles, was ich jetzt tue mein Leben bestimmt. Nein, tut es nicht. Es ist ein komplexes System und es gibt immer ganz viele Optionen und Möglichkeiten.

 „Vorbereitet zu sein für Gelegenheiten, die sich bieten und bereit sein, zuzugreifen, das ist das Wichtige. Es werden sich Gelegenheiten bieten.“

Ein weiteres durchgehendes Muster in meinem Leben ist, ich habe relativ oft jemandem einen Gefallen getan, jemandem ausgeholfen, Zeit und Energie dafür investiert. Es ist sehr oft, dass dann was sehr Schönes zurückgekommen ist.  

Es ist wichtig, dass man nicht immer etwas tut, weil es mir jetzt nützt, sondern manchmal auch zum System etwas beiträgt – und auch wenn es nicht direkt zurück kommt – man trägt zu einer systemischen Lösung bei und das gibt Befriedigung.

Daniela Capano im Interview mit Univ. Prof. Dr. Sigrid Stagl

Kurz nachgefragt:

  • Was gefällt Ihnen an Ihrem Arbeitsbereich am besten?
    Die Bäume vor meinem Fenster
  • In Ihrem Kühlschrank befindet sich immer…
    Tofu
  • Morgen- oder Abendmensch?
    Morgenmensch
  • Welche besondere Fähigkeit oder Fertigkeit hätten Sie gerne?
    Demokratisch legitimierte Entscheidungsträgerinnen und Wissenschaftlerinnen zuhören wollen
  • Mit welcher berühmten Persönlichkeit würden Sie gerne einen Kaffee trinken?
    UNO-Generalsekretär António Guterres
  • Dieses Talent würde man Ihnen nicht zutrauen…
    Ich war eine ziemlich gute Paragleiterin
  • Ihr Lieblingsfach in der Schule war…
    Mathematik
  • Sport oder Kino?
    Beides: Sport/Rudern, während ich Film schaue
  • Wenn Sie an den Internationalen Frauentag denken: Was wünschen Sie sich, dass sich für junge Frauen in der Wissenschaft in den nächsten Jahren am meisten verändert?
    Es soll sich vor allem bei den Männern etwas ändern: Dass sie Sorgearbeit übernehmen, dass sie 50% von dem, was der Gesellschaft gut tut, übernehmen, dann wird es für die Frau auch gut.

Aktualisiert am 02.03.2026