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Nachgefragt bei Volker Plass, Geschäftsführer ARCHE NOAH

Beitrag von unserer Bloggerin Luise Steininger

Der Betrieb unseres Saatgutarchivs ist sehr aufwendig. Es sind knapp 6.000 verschiedene Arten von Saatgut dort gelagert.

GF Volker Plass, Arche Noah
GF Volker Plass, Arche Noah

ARCHE NOAH setzt sich seit 1990 für die Erhaltung der Kulturpflanzenvielfalt und ihre Entwicklung ein. Mit dem Schaugarten in Schiltern, dem umfangreichen Samenarchiv, den Bildungsangeboten und seiner politischen Arbeit hat der Verein schon viele ältere, zunehmend gefährdete Handels- und Lokalsorten gerettet.

Mit der Kampagne für eine bessere EU-Saatgutverordnung von 2013-2015 und der Aktion gegen Bierpatente 2017 ist der Verein europaweit bekannt geworden. ARCHE NOAH gilt heute als eine der größten Erhaltungsorganisationen in Europa. Der Verein ARCHE NOAH besteht aus rund 55 hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und zahlreichen Helfenden. ARCHE NOAH selbst zählt derzeit rund 17.000 Mitglieder und Förderer.

Das Samenarchiv in Schiltern ist eine der größten privaten Kulturpflanzen-Samenbanken in ganz Europa und begeistert viele Besucherinnen und Besucher. Über 5.500 Sorten von Gemüse, Getreide, Kräutern und sonstigen Nutzpflanzen, die am Markt nicht oder kaum erhältlich sind, sind dort gelagert.

Wir haben nachgefragt:

Inwiefern kann uns der Erhalt der alten Nutzpflanzen beim fortschreitenden Klimawandel helfen?

Saatgut ist so grundlegend für unser Leben wie Ackerboden, Sonne und Wasser. Und Vielfalt ist der Schlüssel für die Sicherheit unserer Ernährung. Nach Schätzungen der FAO sind etwa drei Viertel der genetischen Ressourcen, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts weltweit in der Landwirtschaft existiert haben, mittlerweile von unseren Äckern verschwunden.

Vielfalt ist die beste Versicherung gegen die Klimakrise. Ohne heterogene Sorten, die sich dem lokalen Klima anpassen können, leidet die Vielfältigkeit der Ernährung und das kulturelle Erbe der Züchtung ist bedroht. Die Zeit drängt! Mittlerweile dominieren drei internationale Konzerne mehr als die Hälfte des weltweiten Saatgut-Marktes. Genetisch verengte und kaum anpassungsfähige Sorten für die industrielle Landwirtschaft verdrängen das traditionelle Saatgut-Angebot. Um aus dieser Falle zu entkommen, brauchen wir wesentlich bessere politische Rahmenbedingungen für Vielfalts-Saatgut und dessen Erhaltung!

Regale im Sortenarchiv der Arche Noah
Regale im Sortenarchiv der Arche Noah

Die Lagerung der Samen allein bewahrt diese „Schätze“ leider noch nicht – regelmäßiges Kultivieren der Sorten ist notwendig, da die Keimfähigkeit der Samen oft nur für wenige Jahre gegeben ist. Wie kann diese große Aufgabe überhaupt bewältigt werden?

Die Erhaltung der Kulturpflanzen-Vielfalt ist mit enorm viel Arbeit verbunden: Im Februar eines jeden Jahres übergeben die Expert:innen des ARCHE NOAH Samenarchivs das Saatgut hunderter Sorten an unser Gartenteam. Zur Zeit der Blüte achten wir genau darauf, dass sich die Sorten nicht untereinander verkreuzen und führen die Bestäubung teilweise sogar händisch durch. Im Spätsommer und im Herbst ist Samenernte. Vollreife Paprika, Gurken, Melanzani werden „ausgenommen“. Nur die schönsten Samenträger werden unser Archiv auffrischen. Das wertvolle Material, das wir so gewinnen, lagern wir getrocknet und tiefgefroren. Das Ziel: die Bewahrung des gesamten genetischen Potentials.

Ja, das ist eine große Aufgabe, die wir als gemeinnütziger Verein übernommen haben. Da wir so gut wie keine öffentlichen Förderungen erhalten, können wir das nur wegen der breiten Unterstützung schaffen, die wir von unseren 17.000 Mitgliedern und Spender:innen erhalten.

Neben dem Samenarchiv ist die Wissensvermittlung sehr wichtig beim Verein ARCHE NOAH. Woran, glauben Sie, liegt es, dass vielen Menschen dieses Thema ein Anliegen ist?

Im Kern geht es um Essen, um gute Ernährung und vernünftige Landwirtschaft, also um Themen, die uns alle betreffen. Und wir rücken in unserem Kursangebot alle Möglichkeiten, etwas selbst zu gestalten, in den Vordergrund. Wir bieten jedes Jahr über 50 Kurse und Lehrgänge an: praxisnahe Präsenzkurse oder Online-Workshops rund um die gärtnerische Vielfalt wie den „Praxislehrgang Biogarten“, „Obstbaumschnitt für den Hausgarten“ oder den „Online-Lehrgang Bio-Balkongärtnern“. Ein Grund, warum unsere Kurse gut besucht sind, sind unsere Referent:innen. Sie bringen fachliche Kompetenz und Begeisterung mit – und genau diese Lust an der Sache macht die ARCHE NOAH Kurse besonders.

Sortenraritäten von Nutz- und Zierpflanzen können bei Arche Noah erworben werden.
Sortenraritäten für den eigenen Garten.

Die  ARCHE NOAH setzt sich auch international für eine Saatgutpolitik ein. So soll 2026 das neue EU-Saatgutrecht finalisiert werden. Welche Verbesserungen möchten Sie hier im Zuge der noch ausstehenden Verhandlungen erreichen?

Es geht um die Zukunft unserer Ernährung: Derzeit wird in Brüssel ein neues europäisches EU-Saatgut-Recht verhandelt. Es drohen damit Regelungen, die in erster Linie jenes Saatgut begünstigen, das für industrielle Monokulturen entwickelt wurde, Saatgut, das nur in Kombination mit Pflanzengiften und Kunstdünger funktioniert.

Was wir aber brauchen, sind Gesetze, die unser Recht auf gesunde, vielfältige und schmackhafte Lebensmittel sichern! Diese Regeln müssen die Vielfalt auf den Feldern und in den Gärten an die erste Stelle setzen! Sie müssen den Anbau und die Erhaltung lokale Sorten fördern und die Rechte der Bäuerinnen und Bauern respektieren! Eine kluge Basis für unsere Ernährung ist wichtiger als der Profit einiger weniger internationaler Konzerne!

Mit diversen Projekten setzen Sie immer wieder Schwerpunkte in der Erhaltungsarbeit. Was erwartet uns in den nächsten Jahren?

Ein Beispiel ist die Erhaltung der heimischen Obstvielfalt. Gemeinsam mit 16 anderen Obstsammlungen haben wir nach jahrelanger Forschungsarbeit einen österreich-weiten Zustandsbericht vorgelegt, der zeigt: Von 2.506 dokumentierten Obstsorten sind drei Viertel existenzbedroht oder stark gefährdet. Hier geht es in den kommenden Jahren darum, alle Sorten nachhaltig abzusichern und Lücken in diesen Sammlungen zu schließen. Denn stirbt der letzte Baum einer Sorte, ist sie unwiederbringlich verloren.

Kurz nachgefragt

  • In Ihrem Kühlschrank fehlt nie …
    Die Produkte kleiner österreichischer Privat-Brauereien, die unsere Bier-Vielfalt erhalten.
  • Lieblingsfach in der Schule?
    Der Horrorfilm unseres Bildungssystems: Mathematik!
  • Im Schaugarten gibt es viele Pflanzensorten: Was ist Ihre liebste „Rarität“? 
    Freude an Vielfalt bedeutet: An jedem Tag eine andere!
  • Welche drei Worte beschreiben Sie am besten?
    Er bemüht sich.
  • Ihre liebste Frucht im Knödel?
    Die Zwiebel im Semmelknödel.
  • Welche Ihrer Eigenschaften finden Sie gut, welche ärgern Sie manchmal?
    Meine Energie, möglichst viele Dinge möglichst gut machen zu wollen.
    Mein Perfektionismus.
  • Was haben Sie von Ihrem ersten selbstverdienten Geld gekauft?
    Als Kind vermutlich Süßigkeiten. Nach dem ersten lukrativen Ferialjob: eine mehrmonatige Reise durch Indien.
  • Kopf- oder Bauchmensch?
    Beim Denken Kopfmensch, beim Essen Bauchmensch.
  • Ihr persönlicher Nachhaltigkeitstipp für unsere Userinnen und User?
    So oft wie möglich mit dem Fahrrad fahren!